Dreimal volles Haus durften Chor,
Theater-AG und Band des Carl-Friedrich- Gauß-Gymnasiums in der vergangenen
Woche in der Stadthalle feiern: Weit über 1500 Menschen haben sich
ihre Interpretation von Volker Ludwigs Rockmusical "Linie 1" angesehen
- und sie begeistert aufgenommen. "Linie 1" erzählt die Geschichte
eines westdeutschen Provinzmädchens. Berlin ist ihre große Hoffnung.
Sie flieht aus ihrem engen, schalen Zuhause und sucht ihren Traumprinzen
Johnnie - den Vater ihres Kindes -, und das abgedrehte, unbeschwerte Leben
von Kreuzberg. Statt dessen findet sie zwischen Bahnhof, Gleisdreieck und
Halleschem Tor eine Großstadt - jenseits von Glanz und Glimmer! "Es
riecht nach Schicksal und Pisse, Wahnsinn, das isse: Die Luft von Berlin!"
Sie steht auf dem Bahnsteig, wird nicht von Johnnie abge- holt. Vergessen?
Zweifel und Angst beseelen das kleine Geschöpf. Sie ist allein. Die
Menschen hasten an ihr vorbei, reagieren nicht auf ihre Fragen. Trinker,
Obdachlose und Drogenabhängige lümmeln in den Ecken. Sie wird
bedroht und um Geld angebet- telt.
Schließlich steigt sie in die U-Bahn der Linie 1, die zwischen
Bahnhof Zoo und Kreuzberg hin- und herpendelt. Sie muß sich mit Vertretern
der Penner-, Punk- und Junkieszene, die ihr einmal helfen, ein anderes
Mal schaden wollen, auseinander- setzen. Daß die "Unschuld vom Lande"
nicht auf die schiefe Bahn gerät, verdankt sie vor allem ihren zwei
uneigennützigen Rettern Maria und Bambi, die selbst zu den Außenseitern
dieser Stadt gehören. Schließlich findet sie auch den Menschen,
der ihr wieder "Mut zu Träumen" gibt, "damit die Liebe siegt". Und
während die beiden sich festhalten, kehrt nach dem "Wunder von SO36"
wieder der Alltag in die Unterwelt ein: "Komm, wir ziehen weiter!"
"Linie 1" - Heute aktueller denn je. In unserer Zeit zerstören
Arbeits- und Perspek- tivlosigkeit die Menschen immer häufiger auf
fatale Art und Weise. Die Folgen sind vielsichtig: Menschen werden an den
Rand der Gesellschaft gedrängt,ohne zu wissen, wie es dazu kam und
warum. |
Verzweifelt
suchen sie nach Auswegen. Der einfach scheinende Ruf nach Ordnung und Sicherheit
wird laut. "Wir wissen, daß unsere Welt von Idioten regiert wird."
Dich betrifft es nicht, du gehörst nicht zu den Loosern. Du findest
schon was. Du hast einen Sinn im Leben. Du kommst schon irgendwie durch.
Die anderen, die sind doch bloß zu faul, zu dumm! Oder...zuviel abgewiesen
worden? "...ma will ja auch zu watt jut sein, will jebraucht werden. Verstehste?"
Es ist ein Musical mit lauten und leisen Tönen: "Wie jut, det mir
manchmal so'n Engel erscheint wie Du - und für mich weint!" Dietrich
Brinkmann und Karl-Ludwig Matz hatten die künstlerische Leitung und
inszenierten das Stück vordergrün- dig. Nicht alles hinter Metaphern
verstecken. Die Menschen sollten mit der Nase auf die Realität gestoßen
werden. Es muß weh tun! Da wird kein Blatt vor den Mund genommen,
kein Tabu bleibt unver- letzt und auch der letzte Rest scheinheiliger Fassade
muß auf-, muß abgebrochen werden: Das Leben, wie es ist, eine
frech grinsende Grimasse.
Die Lieder und Tänze gefühlvoll, sprühend vor Lebenslust,
ließen aber auch Frust und Aggressionen spüren.
Durch eine ausgefeilte Choreographie sprachen die Schauspieler
mit ihren ganzen Körpern.
Überhaupt:
Schauspieler.
Wie kaum eine Produktion des Gauß-Gymnasiums, das sich bekanntlicherweise
in der Vergangenheit schon durch zahllose großartige Erfolge in die
Schlagzeilen gebracht hat, kam es diesmal darauf an, lockere, unverkrampfte
Darsteller zu finden. Hier war keine pathetische Wohlgeformtheit gefragt:
Es mußte das Leben vorge- führt werden, wie es mal grausam,
mal schmeichelnd den Menschen antreibt, umtreibt, zur Verzweiflung treibt.Das
Stück verlangt nicht nach unbedingter
abgehobener Perfek- tion. Es verkörpert das Unvollkommene,
das im Schwinden und Verderben begriffene, das darin so unvorstellbar wertvolle
Leben. Dennoch und gerade deshalb zeigten die Darsteller ungeahnte Fähigkeiten:
Sei es Christiane Rittner, die der "Unschuld" die rechten Züge zu
verleihen wußte, sei es Dennis Göttel, der als Retter "Bambi"
ebenso um sie bemüht war, wie die abgefahrene "Maria" (Katrin Künstler),
sei es der Hip-hop-dancende Denis Tanyeri, der sie als Groovehopper auf
seine ganz eigene Art anmacht. "Linie 1" lebt vor allem durch die Verwandlungskünste |
der Darsteller,
die in mehrere Rollen schlüpfen und in jeder brillieren: Sündenböcke
für Probleme sind schnell gefunden: "Wo de hinguckst: Kanacken! So
finanzieren wir den Untergang des deut- schen Volkes!" Verschließ'
die Augen und Ohren!So Sebastian Korff, der nicht nur als (nur anfangs)
strahlender Popstar, sondern auch in vielen anderen Rollen auftrat, oder
aber Matthias Nauber, der sowohl den Verwirrten, als auch den alternden
Herrmann ("Es kracht an allen Ecken und Enden, aber es hält!") in
unglaublich liebevoller und engagierter Weise darstellte. Bühnenbild
und Ausstattung unter- strichen den positiven Eindruck hervorragend.
Graffities an den Wänden, zerschlissenes Allerlei, Dreck und
Gestank beherrschen die Szene. Ein Müllplatz, auch für die menschlichen
Wracks. Das berühmte Berliner Grips- Theater, das dieses
Musical zum ersten Mal aufführte, schaffte es, dieses Musical auf
der Bühne zu einem mit- reißenden, umwerfen- den Erlebnis zu
machen; in den 80ern, also noch vor dem Fall der Mauer, ist daraus ein
wahres Berliner Kultstück geworden; bald feierte es große Erfolge
auf dem Broadway.
Was nun das Hockenheimer Gauß "nachgelegt" hat, unterstreicht
einmal mehr die Klasse, die die musische Erziehung
an dieser Schule erreicht hat. Denn nicht nur schauspielerisch
konnten die Schüler sich durchaus mit professionellen Truppen messen.
Auch die instrumentale und gesangliche Interpretation war einmalig: Satte
Sounds, freie unbelastete Stimmen der Sänger - ein Hörerlebnis,
wenn auch der Gehalt an "eingängigen" Stücken etwas schwächer
sein mag, als man dies von den großen Erfolgswerken unserer Tage
gewohnt ist. Rainer Ruhland, der die musikalische Leitung inne hatte, steht
deshalb mit seiner Arbeit den Regisseuren in nichts nach. Mit seiner Band,
dem Chor un den solistisch auftretenden Sängern hat er den zweiten,
ebenso wichtigen Teil des Musical-Ereignisses beigetragen. Und daß
dies endlich einmal ausschließlich mit eigenen Kräften, ohne
jede Aushilfe von außen gelungen ist, macht die Leis- tung um so
bemer- kenswerter - schrill, bunt, ex- zentrisch: Wie Berlin. Die Künstler
haben den Finger tief in die Wunden unserer Hauptstadt, in die Wunden unserer
Gesellschaft gelegt: "Kaputgehen ist keine Kunst, das Gegenteil ist eine!"
Aber ihr Fazit stimmt versöhnlich, hoffnungsvoll. "Aber deine Trauer
wird vorbeigeh'n, det weeß ick, det kann ick dir anseh'n. Bald wirst'e
wieder stolz und glücklich sein, denn du bist schön, sogar schön,
wenn du weinst."
mhw
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