Zeitungsbericht

vom Montag, 24.November 1997
erschienen in der Schwetzinger Zeitung


Gauß-Gymnasium führte Berliner Kultstück "Linie 1" auf

Schrill, bunt und exzentrisch

Stadthalle dreimal ausverkauft / Schauspieler und Musiker mit erstklassiger Leistung
Dreimal volles Haus durften Chor, Theater-AG und Band des Carl-Friedrich- Gauß-Gymnasiums in der vergangenen Woche in der Stadthalle feiern: Weit über 1500 Menschen haben sich ihre Interpretation von Volker Ludwigs Rockmusical "Linie 1" angesehen - und sie begeistert aufgenommen. "Linie 1" erzählt die Geschichte eines westdeutschen Provinzmädchens. Berlin ist ihre große Hoffnung. Sie flieht aus ihrem engen, schalen Zuhause und sucht ihren Traumprinzen Johnnie - den Vater ihres Kindes -, und das abgedrehte, unbeschwerte Leben von Kreuzberg. Statt dessen findet sie zwischen Bahnhof, Gleisdreieck und Halleschem Tor eine Großstadt - jenseits von Glanz und Glimmer! "Es riecht nach Schicksal und Pisse, Wahnsinn, das isse: Die Luft von Berlin!" Sie steht auf dem Bahnsteig, wird nicht von Johnnie abge- holt. Vergessen? Zweifel und Angst beseelen das kleine Geschöpf. Sie ist allein. Die Menschen hasten an ihr vorbei, reagieren nicht auf ihre Fragen. Trinker, Obdachlose und Drogenabhängige lümmeln in den Ecken. Sie wird bedroht und um Geld angebet- telt. 
Schließlich steigt sie in die U-Bahn der Linie 1, die zwischen Bahnhof Zoo und Kreuzberg hin- und herpendelt. Sie muß sich mit Vertretern der Penner-, Punk- und Junkieszene, die ihr einmal helfen, ein anderes Mal schaden wollen, auseinander- setzen. Daß die "Unschuld vom Lande" nicht auf die schiefe Bahn gerät, verdankt sie vor allem ihren zwei uneigennützigen Rettern Maria und Bambi, die selbst zu den Außenseitern dieser Stadt gehören. Schließlich findet sie auch den Menschen, der ihr wieder "Mut zu Träumen" gibt, "damit die Liebe siegt". Und während die beiden sich festhalten, kehrt nach dem "Wunder von SO36" wieder der Alltag in die Unterwelt ein: "Komm, wir ziehen weiter!" 
"Linie 1" - Heute aktueller denn je. In unserer Zeit zerstören Arbeits- und Perspek- tivlosigkeit die Menschen immer häufiger auf fatale Art und Weise. Die Folgen sind vielsichtig: Menschen werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt,ohne zu wissen, wie es dazu kam und warum. 
Verzweifelt suchen sie nach Auswegen. Der einfach scheinende Ruf nach Ordnung und Sicherheit wird laut. "Wir wissen, daß unsere Welt von Idioten regiert wird." Dich betrifft es nicht, du gehörst nicht zu den Loosern. Du findest schon was. Du hast einen Sinn im Leben. Du kommst schon irgendwie durch. Die anderen, die sind doch bloß zu faul, zu dumm! Oder...zuviel abgewiesen worden? "...ma will ja auch zu watt jut sein, will jebraucht werden. Verstehste?" Es ist ein Musical mit lauten und leisen Tönen: "Wie jut, det mir manchmal so'n Engel erscheint wie Du - und für mich weint!" Dietrich Brinkmann und Karl-Ludwig Matz hatten die künstlerische Leitung und inszenierten das Stück vordergrün- dig. Nicht alles hinter Metaphern verstecken. Die Menschen sollten mit der Nase auf die Realität gestoßen werden. Es muß weh tun! Da wird kein Blatt vor den Mund genommen, kein Tabu bleibt unver- letzt und auch der letzte Rest scheinheiliger Fassade muß auf-, muß abgebrochen werden: Das Leben, wie es ist, eine frech grinsende Grimasse. 
Die Lieder und Tänze gefühlvoll, sprühend vor Lebenslust, ließen aber auch Frust und Aggressionen spüren. 
Durch eine ausgefeilte Choreographie sprachen die Schauspieler mit ihren ganzen Körpern. 
Überhaupt: 
Schauspieler. 
Wie kaum eine Produktion des Gauß-Gymnasiums, das sich bekanntlicherweise in der Vergangenheit schon durch zahllose großartige Erfolge in die Schlagzeilen gebracht hat, kam es diesmal darauf an, lockere, unverkrampfte Darsteller zu finden. Hier war keine pathetische Wohlgeformtheit gefragt: Es mußte das Leben vorge- führt werden, wie es mal grausam, mal schmeichelnd den Menschen antreibt, umtreibt, zur Verzweiflung treibt.Das Stück verlangt nicht nach unbedingter 
abgehobener Perfek- tion. Es verkörpert das Unvollkommene, das im Schwinden und Verderben begriffene, das darin so unvorstellbar wertvolle Leben. Dennoch und gerade deshalb zeigten die Darsteller ungeahnte Fähigkeiten: Sei es Christiane Rittner, die der "Unschuld" die rechten Züge zu verleihen wußte, sei es Dennis Göttel, der als Retter "Bambi" ebenso um sie bemüht war, wie die abgefahrene "Maria" (Katrin Künstler), sei es der Hip-hop-dancende Denis Tanyeri, der sie als Groovehopper auf seine ganz eigene Art anmacht. "Linie 1" lebt vor allem durch die Verwandlungskünste 
der Darsteller, die in mehrere Rollen schlüpfen und in jeder brillieren: Sündenböcke für Probleme sind schnell gefunden: "Wo de hinguckst: Kanacken! So finanzieren wir den Untergang des deut- schen Volkes!" Verschließ' die Augen und Ohren!So Sebastian Korff, der nicht nur als (nur anfangs) strahlender Popstar, sondern auch in vielen anderen Rollen auftrat, oder aber Matthias Nauber, der sowohl den Verwirrten, als auch den alternden Herrmann ("Es kracht an allen Ecken und Enden, aber es hält!") in unglaublich liebevoller und engagierter Weise darstellte. Bühnenbild und Ausstattung unter- strichen den positiven Eindruck hervorragend.  
Graffities an den Wänden, zerschlissenes Allerlei, Dreck und Gestank beherrschen die Szene. Ein Müllplatz, auch für die menschlichen Wracks. Das berühmte Berliner Grips- Theater, das dieses Musical zum ersten Mal aufführte, schaffte es, dieses Musical auf der Bühne zu einem mit- reißenden, umwerfen- den Erlebnis zu machen; in den 80ern, also noch vor dem Fall der Mauer, ist daraus ein wahres Berliner Kultstück geworden; bald feierte es große Erfolge auf dem Broadway. 
Was nun das Hockenheimer Gauß "nachgelegt" hat, unterstreicht einmal mehr die Klasse, die die musische Erziehung 
an dieser Schule erreicht hat. Denn nicht nur schauspielerisch konnten die Schüler sich durchaus mit professionellen Truppen messen. Auch die instrumentale und gesangliche Interpretation war einmalig: Satte Sounds, freie unbelastete Stimmen der Sänger - ein Hörerlebnis, wenn auch der Gehalt an "eingängigen" Stücken etwas schwächer sein mag, als man dies von den großen Erfolgswerken unserer Tage gewohnt ist. Rainer Ruhland, der die musikalische Leitung inne hatte, steht deshalb mit seiner Arbeit den Regisseuren in nichts nach. Mit seiner Band, dem Chor un den solistisch auftretenden Sängern hat er den zweiten, ebenso wichtigen Teil des Musical-Ereignisses beigetragen. Und daß dies endlich einmal ausschließlich mit eigenen Kräften, ohne jede Aushilfe von außen gelungen ist, macht die Leis- tung um so bemer- kenswerter - schrill, bunt, ex- zentrisch: Wie Berlin. Die Künstler haben den Finger tief in die Wunden unserer Hauptstadt, in die Wunden unserer Gesellschaft gelegt: "Kaputgehen ist keine Kunst, das Gegenteil ist eine!" Aber ihr Fazit stimmt versöhnlich, hoffnungsvoll. "Aber deine Trauer wird vorbeigeh'n, det weeß ick, det kann ick dir anseh'n. Bald wirst'e wieder stolz und glücklich sein, denn du bist schön, sogar schön, wenn du weinst." 
mhw
 
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